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Machen sich gemeinsam stark gegen das Sterben im Mittelmeer (von links): Walter Wiegand, Andreas Marx, Ulrike Struve und Tatjana Owodow.

11.09.2019

Rendsburg – Im ersten Halbjahr 2019 ertranken durchschnittlich jeden Tag drei Menschen im Mittelmeer bei dem Versuch, nach Europa zu kommen, so das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR. Tatsächlich dürfte die Zahl laut Hilfsorganisationen weit höher liegen, weil nicht alle untergehenden Boote und damit Opfer entdeckt werden. Mittlerweile gilt das Mittelmeer als der gefährlichste Fluchtweg der Welt. Ein breites kirchliches Bündnis in Rendsburg hält diesen Zustand für untragbar. Mit einer Reihe von Aktionen wollen die Akteure auf das Sterben im Mittelmeer im Rahmen der Interkulturellen Woche aufmerksam machen.

„Jedes Menschenleben, das im Mittelmeer verloren geht, ist eines zu viel“, erklärt Walter Wiegand, Flüchtlingsbeauftragter im Kirchenkreis Rendsburg-Eckernförde. Gemeinsam mit ihm positionieren sich auch Ulrike Struve von der Baptistenkirche Rendsburg, Tatjana Owodow, Ökumenische Arbeitsstelle im Kirchenkreis Rendsburg-Eckernförde und Andreas Marx von den katholischen Pfadfindern St. Georg deutlich zum Thema: „Jesus hätte nicht einfach zugeschaut bei dem, was im Mittelmeer passiert. Nicht nur aus humanitärer Sicht, sondern auch als Christ ist es meine Pflicht, klar Stellung zu beziehen“, so Marx. Stellung beziehen gegen die Kriminalisierung der privaten Seenotrettung, für sichere Fluchtwege und die Aufnahme von Flüchtlingen. Marx versteht das auch als Gegenpol zum Schlagwort „Untergang des christlichen Abendlandes“, das häufig im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise fällt.

Die Idee entstand bereits im vergangenen Jahr, als in Flensburg unter dem Titel „Seetember – Ein Monat für die Seenotrettung“ eine Vielzahl von Aktionen stattfand. In Flensburg wie in Rendsburg ist das gemeinsame Dach die „Seebrücke“, einer internationalen Bewegung, getragen von verschiedenen Bündnissen und Akteurinnen der Zivilgesellschaft. In Rendsburg wird als Auftakt am kommenden Samstag ein „Papierboot in Not“ im Rendsburger Stadtsee zu Wasser gelassen: „Tatsächlich ist es aus Holz, wird gerade in einer privaten Garage gebaut und ungefähr 2,50 Meter mal 1,20 Meter groß sein“, so Marx.

Die Initiative hat mittlerweile aber auch viele orangene Papierboote gefaltet, die im Rendsburger Stadtgebiet sichtbar werden sollen. Orange wie die Rettungswesten und -boote, die eingesetzt werden; aus Papier, als Symbol der Zerbrechlichkeit der Rettungsboote. „Am schönsten wäre es, wenn die Papierboote in Fenstern, Läden, öffentlichen Einrichtungen und an öffentlichen Plätzen stünden und die Rendsburger wüssten, warum das so ist“ so Wiegand. Denn das ist eines der erklärten Ziele der Aktionen: Aufmerksamkeit schaffen für ein Thema, das für viele weit weg ist. Ein weiteres: „Die Stadt Rendsburg soll sich zum ‚Sicheren Hafen‘ erklären, so wie bundesweit schon 90 Städte, Kommunen oder Kreise“. In Schleswig-Holstein sind zurzeit zehn „Sichere Häfen“ bekannt, darunter drei Kreise. Der Rat der Stadt Rendsburg wird sich am 26. September in der Ratssitzung mit dem Thema befassen, die SPD bringt einen entsprechenden Antrag ein. „Die Zahl der Flüchtlinge, die deshalb zusätzlich aufgenommen werden müssten, ist verschwindend gering“, erklärt Wiegand: „Auch hier geht es im Wesentlichen darum, Haltung zu zeigen, Position zu beziehen, sich für Menschen einzusetzen.“

Die Motivation für die Aktion ist klar: „Das sind Menschen, keine Ziffern. Nichts zu tun ist ein Widerspruch zu dem, was wir glauben, denn es bedeutet, meinem Nächsten nicht zu helfen“, so Walter Wiegand. Ulrike Struve ergänzt: „Das, was da passiert, ist krank! Geschichtslehrer sagen immer, dass der Zweite Weltkrieg auch deshalb im Unterricht behandelt werden muss, damit sowas nie wieder passiert. Aber genau das passiert doch: Es wird ausgewählt, wer kommen darf, es gibt Lager, in denen Menschen sterben, viele schauen weg und unternehmen nichts. Und die, die was tun, werden dafür bestraft. Plötzlich ist die Rettung von Menschen nicht mehr normal?“

Die Gelegenheit, mit Menschen zu sprechen, die etwas tun, bietet sich im Rahmen des „Seetembers“ mehrfach: Im KinoCenter Rendsburg wird am 15.9. um 11 Uhr der Film „IUVENTA“ gezeigt. Anschließend berichten Jugendliche davon, wie es ist, ehrenamtlich als Seenotretter im Mittelmeer unterwegs zu sein.

Am 19. September sprechen Personen aus dem öffentlichen Leben, aus Kirche und Politik beim „Talk im Foyer“ im Neuen Rathaus (am Gymnasium 4, Rendsburg) ab 19.30 Uhr miteinander und mit dem Publikum über den Umgang mit Geflüchteten. Mit dabei sind Landesbischof em. Gerhard Ulrich, Stefan Schmidt (Beauftragter für Flüchtlings-, Asyl- und Zuwanderungsfragen des Landes Schleswig-Holstein), die Flüchtlingsbeauftragte  der Nordkirche Dietlind Jochims sowie Diakon Jörg Kleinewiese (Koordinator für Flüchtlingsarbeit im Erzbistum Hamburg). Stefan Schmidt war selbst auch schon aktiv in der Seenotrettung unterwegs, als Kapitän der „Cap Anamur“. Der Eintritt ist frei. Ausdrücklich gewünscht ist dabei das offene Gespräch mit dem Publikum.

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