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Luther-Kirche mit Gemeindehaus in Riga (Lettland)

Christus-Bild an einer Eisenbahnbrücke in Riga (Lettland)

15.04.2019

Riga - „Gott hat uns durch Christus mit sich selber versöhnt“ (2.Kor. 5, 18) – solch ein schwer beladener theologischer Satz bekommt im Austausch und gemeinsamen Nachdenken mit Pastorinnen und Pastoren aus den 3 baltischen Ländern – Litauen, Lettland und Estland – eine herausfordernde Tiefenschärfe. Und wir zehn Teilnehmende aus der Nordkirche - unter der Leitung der ZMÖ-Europareferentin Christa Hunzinger und der  Rektorin des Pastoralkollegs in Ratzeburg Anne Gidion - kamen mit den baltischen Amtsgeschwistern in ein reges Gespräch zu den verschiedenen Facetten des uns Christen aufgetragenen Amtes der Versöhnung.

Jahr um Jahr das Gastgeberland wechselnd wird zu diesem baltisch-deutschen Pastoralkolleg eingeladen; jeweils für fünf Tage begegnen sich die Pastorinnen und Pastoren und arbeiten an einem Themenschwerpunkt, der durch Besuche von Einrichtungen und Kirchengemeinden besonders beleuchtet wird. In diesem Jahr waren evangelisch-lutherische Geistliche aus Lettland die Organisatoren. Sie hatten ein dichtes Programm aus geographischer, geschichtlicher, künstlerischer, pastoralpsychologischer Perspektive zusammengestellt und theologische Impulse damit verknüpft.

Die wechselnden Tagungsorte  der Begegnungen und Gespräche trugen dazu bei, dass universitäre Theologie mit Gemeindeleben und verschiedener Kirchlichkeit in einen Dialog traten und das Begreifen der Aufgabe „Versöhnung“ vertieft wurde. Versöhnung mag besonders aus west-deutscher Sicht zunächst als persönliches, individuelles Thema verstanden werden und theologisch zugespitzt begriffen werden als ein Geschehen zwischen dem einzelnen Menschen und Gott.

Für die baltischen Amtsgeschwister stand die soziale, auf eine Gemeinde bzw. auch auf die gesamte Gesellschaft bezogene Dimension von Versöhnung  vorne an: Wie können wir – noch nicht einmal 30 Jahre nach der (Wieder)Erlangung der nationale Unabhängigkeit und Selbstbestimmung – miteinander in guter, Zukunft-gewinnender Weise zusammenleben. Dabei spüren die einen immer noch die Schrammen, ja Verletzungen aus Zeiten diktatorischer Fremdherrschaft an sich. Andere haben kollaboriert, aus welchen Gründen auch immer. Solche Verletzungen greifen auch über Generationen hinaus und wirken bis heute – auch das haben wir während der Tage des Pastoralkollegs gehört  und durchdacht.

Im Gemeindehaus der Lutherkirche referierte eine Psychoanalytikerin über die transgenerative Weitergabe von traumatischen Erfahrungen, und der Gemeindepastor erzählte von Workshops, in denen unter seiner Anleitung solche  Erfahrungen erzählt und auch geistlich-theologisch bearbeitet werden können; ein Angebot der lutherischen Gemeinde zum Heilen von persönlichen und gesellschaftlichen Verletzungserfahrungen – damit Versöhnung wirksam werden kann, Versöhnung in sich selbst, mit anderen … durch das Vertrauen auf die Versöhnung, die Gott erwirkt hat in Christus. Der Intensität des Zuhörens und des behutsamen Redens war abzuspüren, dass jede und jeder dabei ganz mit sich selbst, dem eigenen Erfahrungshorizont und auch den je ganz eigenen persönlichen Perspektiven auf „Versöhnung“ zu tun hatte.

Auf dem Weg zur Lutherkirche entdeckten wir unter einer Brücke über die viel-befahrene Eisenbahnlinie dieses Christus-Bild (siehe Foto). Christus unter der Brücke in einem noch etwa zur Hälfte christlichen Land mit sozialistischer Vergangenheit – der Versöhner in der Betriebsamkeit unserer Alltage, wenigstens erkennbar, wenn auch eher in einer Ecke des Lebens. Genau dort aber fängt Gott mit Versöhnung an.

Und vielleicht war es nicht nur Zufall, dass wir die Lutherkirche nicht besichtigen konnten; es werden nämlich gerade dringend erforderliche Instandhaltungs- und Renovierungsarbeiten durchgeführt – verbunden mit Ideen zu einer Neugestaltung des Altarbereiches. An der Kirche als Gebäude wird gearbeitet, auch an der gesamten Kirche als Organisation, vor allem als Gemeinschaft der Glaubenden?
Die Luther-Gemeinde in Riga ist eine der mitgliederstärksten lutherischen Gemeinden der Lettischen evangelisch-lutherischen Kirche. Diese Kirche hat sich dazu entschieden, nicht mehr Frauen zu Pastorinnen zu ordinieren. Das hat dazu geführt, dass unsere Nordkirche in gewisser Weise auf Distanz zur  lettisch-lutherischen Kirche gegangen ist, weil das Amt der Verkündigung  – und auch das Amt der Versöhnung – nach unserem Verständnis sowohl Männern als auch Frauen aufgetragen ist.
Die Luthergemeinde aber ist mit ihren Pastoren bemüht, all den Menschen eine geistliche Heimat, einen spirituellen Anlaufpunkt zu eröffnen, die auf der Suche sind nach Worten und Andachtsformen, nach Geist-gefüllten Begegnungen und Gottesdiensten, in denen ihr Glauben, ihr Suchen, ihr Fragen und ihre Antwortversuche gehört, aufgenommen und geistlich gestaltet werden.

Das uns Christen aufgegebene Amt der Versöhnung braucht Menschen wie die engagierten, nachdenkenden und den Glauben ins Heute tragenden Amts- und Glaubens-Geschwister in den baltischen Ländern und bei uns. Zahlenmäßig sind die lutherischen Kirchen, Gemeinden, Christen in den baltischen Staaten in der Minderheit, aber manche, etliche leben ihre Glaubenshoffnung in kraftvollem Vertrauen im Hier und Heute ihrer Gesellschaft und tragen dazu bei, dass Christus nicht nur unter Brücken, sondern in der Mitte des Lebens präsent ist als Versöhner – eine Zumutung und ein Zutrauen.“Über dieses Amt der Versöhnung habe ich noch manches nachzulesen, nach-zu-denken und von den baltischen Schwestern und Brüder vieles an beherztem Engagement zu lernen.

(Autor: Henning Halver, Ökumene-Pastor im Ev.-Luth. Kirchenkreis Rendsburg-Eckernförde)

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